Jubiläum: Vor 20 Jahren wurde der Gedenkort Jüdische Schule eröffnet

CDU-Ferienfraktion beschäftigt sich mit jüdischer Vergangenheit Lingens

Lingen – Auf den Spuren jüdischer Geschichte in Lingen begaben sich die Teilnehmer der CDU-Ferienfraktion. Der Gedenkort Jüdische Schule, der in diesem Jahr seit genau 20 Jahren besteht und sein Jubiläum feiert, diente als passender Treffpunkt. Begrüßt wurden die Gäste dort vom Vorsitzenden des Forums Juden-Christen Altkreis Lingen e.V., Dr. Heribert Lange.

 


 

 

Als 1878 die Synagoge und Jüdische Schule eingeweiht wurden, konnte noch niemand wissen, dass antisemitischer und rassistischer Terror gegen Juden und das Judentum bis hin zum Holocaust auch das Schicksal der Lingener Juden und ihrer Familien in der nachfolgenden Geschichte bestimmen sollten. Zwar trat schon damals Antisemitismus in Deutschland auf, doch dass dieser 60 Jahre später mit der Reichspogromnacht auch für diese beiden Gebäude und vor allem im Nachzug dazu für die jüdische Bevölkerung in der Stadt schreckliche Folgen haben würde, war noch nicht ansatzweise abzusehen. Auch dass daraus eines Tages der millionenfacher Mord zur Ausrottung des Judentums erwachsen würde, konnte damals noch niemand ahnen.

 

Die in Lingen lebenden Juden waren überwiegend Textil- oder Viehhändler, lebten im bescheidenen Wohlstand und genossen hohes Ansehen. Dennoch war die Finanzierung zum Bau einer eigenen Synagoge mit angebundener Religionsschule nicht einfach. Erst die Einrichtung eines Sparfonds und die Gründung eines Bauvereins halfen bei der Realisierung.

 

Ursächlich für den Bau der direkt an die Synagoge angrenzenden Schule war die Tatsache, dass die jüdischen Kinder die normale Volksschule besuchten, dort allerdings nicht in ihrem jüdischen Glauben unterrichtet wurden. Mit der Eröffnung einer Jüdischen Schule änderte sich daran auch nichts, aber die jüdische Gemeinde der Stadt konnte ihren Kindern eine zusätzliche Unterrichtung in jüdischer Religion und deren Ausübung geben.

 

In der Reichspogromnacht im November 1938 wurde auch die Lingener Synagoge in Brand gesetzt und damit vollkommen zerstört. Die Schule fiel nur deswegen dem Brandschatzen nicht zum Opfer, weil ein Nachbar Sorge hatte, dass dabei auch sein Gebäude in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Da sämtliches jüdisches Eigentum an den Staat überging, verlor die jüdische Gemeinde ihr Eigentum an der Schule. Sie musste vielmehr sogar noch die Kosten für die Aufräumarbeiten übernehmen.

 

Ein Handwerksbetrieb erwarb später das Schulgebäude von der öffentlichen Hand und nutze es seitdem für seine Zwecke, unter anderem als Kutschenstall. Erst als Mitte der 1970er Jahre auch in Lingen die Erinnerungsarbeit begann – Anlass war das völlige Fehlen der NS-Zeit in einer von der Stadt herausgegebenen Dokumentation zum 1000-jährigen Jubiläum Lingens im Jahr 1975 –, kam es im Zuge dieses Engagements einer kleinen Gruppe Lingener Bürger (z.B. Josef Möddel, Anne Scherger und Johannes Wiemker), Schülern der berufsbildenden Schulen und der Kolpingjugend aus Laxten, die sich im Arbeitskreis Judentum-Christentum zusammengefunden hatten, zum Rückkauf des Schulgebäudes durch die Stadt Lingen. 1998 konnte der Gedenkort Jüdische Schule feierlich eröffnet werden.

 

Im Gebäude an der Jacob-Wolff-Straße kann man auf Wandtafeln viel über die Lingener Juden, die Religion allgemein sowie den jüdischen Kultus und die Riten erfahren und verschiedene Gegenstände betrachten. Auch das gerade erst restaurierte und konservierte KZ-Kleid der Lingener Ehrenbürgerin Ruth Forster (+), die dem Holocaust wie durch ein Wunder entkam, ist dort ausgestellt. Die Ausstellung wird laut Dr. Lange gerade erneuert und überarbeitet. „Passend zum diesjährigen Jubiläum wollen wir sie zum Gedenktag am 9. November 2018 der Öffentlichkeit präsentieren“, so Dr. Lange. Besichtigungen und Führungen, auch für Schulklassen, seien nach Absprache aber nach wie vor möglich.

 

Für die Teilnehmer der CDU-Gruppe bedankte sich abschließend Björn Roth vom CDU-Stadtverbandsvorstand. „Das Forum Juden-Christen leistet mit seiner Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit einen wichtigen Beitrag, um gegen das Vergessen, Verharmlosen und Relativieren vorzugehen. Alltagsrassismus und Antisemitismus kommen heute – gerade auch in sozialen Medien – leider wieder vermehrt vor, weshalb Orte wie diese gebraucht werden“, unterstrich Roth.